EY-Studie: Digitalisierung im Mittelstand nicht aufzuhalten

Autor: Christian Fischer
Datum: 14.03.2016

Mittelständler nutzen digitale Technologien unterschiedlich

Bei einer neuen Studie befragte die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) 3.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland zum Thema Digitalisierung. Ergebnis dieser Studie, der Einzug der digitalen Technologie in den deutschen Mittelstand ist nicht mehr aufzuhalten. Bei 54 % der befragten Unternehmen spielen digitale Technologien eine bereits große beziehungsweise mittelgroße Rolle für die eigenen Geschäftsmodelle. Lediglich jedes fünfte Unternehmen antwortete, sie nehme keine Rolle ein.

Diese Entwicklung wird sich aber in der Zeit der digitalen Kundenbetreuung, automatisierten Produktion oder auch der Onlinebezahlung verändern. Die Untersuchung zeigt auf, dass 35 % der Unternehmen davon ausgehen, dass in einem Zeitraum von fünf Jahren die Digitalisierung zunehmen wird. 39 % der Befragten erwarten immerhin noch eine leichte Zunahme. Jedes dritte Unternehmen der Studie verrät darüber hinaus, dass es Faktoren gibt, die die verstärkte Nutzung der digitalen Technologien verhindere. So beklagt jedes achte Unternehmen über begrenzte finanzielle Möglichkeiten, jedes neunte über fehlendes Personal und jedes elfte Unternehmen habe nicht das nötige Know-how.

„Deutschland ist ein Hochtechnologie-Standort, der von der Innovation lebt. Der deutsche Mittelstand hat sich schon immer dadurch ausgezeichnet, dass er schnell und flexibel auf Veränderungen reagieren und sich anpassen konnte. Die große Bedeutung, die digitale Technologien heute schon in vielen Betrieben einnehmen, zeigt, wie weit vorne viele Mittelständler bei der technologischen Innovation sind. Allerdings drohen manche den Anschluss zu verlieren. Fehlendes Geld oder fehlendes Personal dürfen nicht die Ausrede sein, um nötige Weichenstellungen für die Zukunft zu verschlafen. Die Unternehmen müssen sich schnell Lösungen einfallen lassen, um sich zukunftsfest zu machen“, so EY-Partner Peter Englisch, warnt aber zugleich vor einer Zweiklassengesellschaft.

Die Unternehmen, die bereits digitale Technologien nutzen, setzten diese vor allem in der Kundenbindung ein. 39 % der Befragten geben zu, ihre Kundenbeziehungen ganz oder teilweise auf digitalem Wege zu verwalten. Darüber hinaus haben 33 % der Unternehmen den Einsatz von mobilen Endgeräten wie Smartphone oder Tablet in ihre alltägliche Arbeit integriert und 23 % wickeln Verkauf und Bezahlung online ab.

Unterschiede der Digitalisierung beim Mittelstand

Untersucht man die Zahlen genauer, so werden Unterschiede hinsichtlich der Digitalisierung bei kleinen Mittelständlern (Umsatzklasse bis 30 Millionen Euro), mittelgroßen Mittelständlern (Umsatzklasse 30 bis 100 Millionen Euro) bis hin zu großen Mittelständlern (Umsatzklasse über 100 Millionen Euro) ersichtlich. So nimmt das Thema digitale Technologie bei 43 % der kleinen Unternehmen eine sehr große oder mittelgroße Bedeutung ein. Mittelgrößere Unternehmen stufen die Wichtigkeit bei 59 % ein und große Mittelständler sogar bei 63 %.

Auch im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung stimmen nur 29 % der kleineren Mittelständler einer größeren Bedeutung in den kommenden fünf Jahren zu. Große Unternehmen stimmen diesem Aspekt bis zu 46 % überein. „Sich für die Zukunft aufzustellen, darf keine Frage der Größe sein“, äußert sich Englisch und fügt weiterhin an: „Digitale Technologien werden künftig noch mehr als heute integraler Bestandteil von Unternehmensstrategien sein. Händler können ihren Kunden beispielsweise passende Produktvorschläge machen. Autos oder Waschmaschinen diagnostizieren Fehler selbst und machen Reparaturen somit einfacher. Diese Entwicklung wird nicht aufzuhalten sein. Und für Unternehmen, die die Weichen richtig stellen, ergeben sich mehr Chancen als Risiken.“

Unternehmen in schwieriger Lage drohen Anschluss zu verpassen

Deutlich seltener setzen Unternehmen, die sich aktuell in einer schwierigen Geschäftslage befinden, auf weitere Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle. So erwarten etwa 57 % der Unternehmen mit einer aktuell schlechten Lage, dass die Wichtigkeit der digitalen Technologien in den kommenden Jahren für sie zunehmen wird. Im Gegensatz dazu stimmen etwa 75 % der Unternehmen mit einer guten Geschäftslage mit einer zunehmenden Bedeutung für sich.

Grundsätzlich lasse sich noch kaum eine Verbindung zwischen aktuellem Geschäftserfolg und der Digitalisierung erschließen. So äußern sich 20 % der Unternehmen mit guter oder eher guter Geschäftslage, dass die Digitalisierung weiterhin eine sehr große Rolle spiele. Andersherum stimmen 17 % der Unternehmen mit schlechter oder eher schlechter Lage diesem Aspekt zu. Englisch schätzt die Konjunktur aktuelle als insgesamt sehr gut ein, dies führe allerdings zu einer Täuschung über manche Versäumnisse hinweg. „Die Unternehmen sollten sich besser in guten Zeiten für die Digitalisierung rüsten. Wenn die Zeiten schlechter werden, wird sich die Spreu vom Weizen trennen und Unternehmen mit konsequenter Digitalisierungsstrategie werden einen Vorteil im Wettbewerb haben“, warnt Englisch.

Unterschiede in Branchen ersichtlich

Die Studie zeigt außerdem dar, dass die Nutzung in den einzelnen Branchen höchst unterschiedlich erfolgt. Die Wichtigkeit der digitalen Technologien hat für Unternehmen aus Dienstleistung (30 %) und Handel (21 %) bereits heute eine sehr große Bedeutung und wird diese auch über die nächsten Jahre für Dienstleistungsunternehmen (46 %) und Handelsunternehmen (36 %) deutlich zunehmen.

Industrie/ Verarbeitende Gewerbe sowie Bau/ Energie spielt die Rolle der digitalen Technologien nur zu 16 % beziehungsweise zu 14 % der Unternehmen eine große Rolle. Diese Bedeutung wird auch in den kommenden fünf Jahren nur für 28 % der Unternehmen aus Industrie und verarbeitendes Gewerbe zunehmen und bei 26 % der Bau- und Energieunternehmen deutlich zunehmen.

„Der Handel und die Dienstleister mussten sich bereits mit deutlichen Veränderungen ihrer Geschäftsmodelle durch die verstärkte Nutzung von Internet und Smartphones auseinandersetzen. Sie haben sich in den vergangenen Jahren am stärksten gewandelt, neue Formen der Kundenansprache und des Verkaufs entwickelt und etwa die Kommunikation mit den Kunden auf die digitale Ebene verlagert“, erklärt Englisch die Ergebnisse. „In der Industrie halten digitale Technologien erst noch Einzug, obwohl auch hier die Vorteile auf der Hand liegen – beispielsweise in der Lieferkette. Wenn jedes Teil zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, spart das enorme Kosten“, so Englisch weiter.

Als besonders schwer schätzt Englisch die Lage der Energiebranche ein, die sich nach dem Ausstieg aus der Atomenergie und dem Rückbau von Kraftwerken neu sortieren muss. Durch Restrukturierungen fehlt vielerorts das Geld für Investitionen in neue Technologien.

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C.Fischer